Eine ziemlich dürftige “Langzeitstudie” wabert durch die Medien

Seit heute flattert durch den Blätterwald eine Langzeitstudie, die angeblich zeigen soll, dass Dampfer ein höheres Risiko haben, an COPD (Chronische obstruktive Lungenerkrankung) oder Bronchitis und Co. zu erkranken als Nichtraucher.

Gucken wir uns erst mal die Studie an. Von wem ist sie? Was wurde gemacht? Was kam dabei raus?

Federführend bei der Studie war Prof. Stanton Glantz, Direktor des „Center for Tobacco Control and Education“ an der Universität von Kalifornien, San Francisco. Auch, wenn er einen Lehrstuhl für Medizin inne hat, ist er tatsächlich lediglich Raumfahrtingenieur. In den Bereich Medizin „rutschte“ er, weil er in der Vergangenheit zu mathematischen Modellen der Herzfunktion geforscht hatte. Er ist schon seit langem ein entschiedener Gegner des Rauchens und hat sich in letzter Zeit mit gleicher Kraft dem Kampf gegen die gedampfte Wolke verschrieben. Dass ihm dabei jedes Mittel recht ist, zeigte er schon des öfteren. Zuletzt hatte er in einer Studie zum Thema Dampfen und Herzkreislauferkrankungen mal eben aus Korrelation eine Kausalität zaubern wollen. Also das Motto: Es schneit im Winter, weil im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen. Von vielen Kollegen wird er mittlerweile nur noch leidlich ernst genommen. Leider gilt das nicht für die Medien.

In der Studie selber wurden nicht wirklich Menschen untersucht. Es wurden lediglich öffentliche Daten aus dem „Population Assessment of Tobacco and Health“ (PATH) der „Nationalen Gesundheitsinstitute“ (National Institutes of Health – NIH) ausgewertet. Das sind, grob gesagt, Befragungen der Bevölkerung nach Rauch- bzw. Dampfverhalten und dem gesundheitlichen Zustand. In der Studie wurden Daten von 32.000 Menschen der Jahre 2013 bis 2016 ausgewertet. Von den Befragten waren 5,5% aktive Dampfer und 26% rauchten. Diese „Langzeit“ bestand also aus drei Jahren. Erst mal nicht unbedingt ein Problem, ginge prinzipiell als Langzeitstudie durch. Aber in diesem Zusammenhang ist das dann doch etwas „unglücklich“. Dazu gleich mehr.

Das Ergebnis der Studie, zumindest auf den ersten Blick, war, dass Dampfer ein 1,3fach höheres Risiko haben, an COPD, Asthma, Bronchitis oder Emphysemen zu erkranken als Nichtraucher. Bei Rauchern erhöht sich das Risiko um den Faktor 2,5. Interessant ist, dass Dualuser, also Leute, die sowohl rauchen als auch dampfen, laut dieser Studie anscheinend ein 3,3mal höheres Risiko haben zu erkranken.

Wichtig zu wissen ist jetzt, dass fast alle befragten Dampfer zuvor Raucher waren. Außerdem kann man davon ausgehen, dass diese Dampfer 2013 erst eine recht kurze Zeit der leckeren Wolke frönten. Es gab die E-Zigarette zu diesem Zeitpunkt schlicht noch nicht so lange. Das ist deshalb wichtig, weil uns diese Studie eigentlich nur eine Sache recht sicher zeigt: Wer vom Rauchen aufs Dampfen umsteigt, verringert sein Risiko für ernsthafte Lungenerkrankungen bereits nach drei Jahren um mindestens 80%.

Das war‘s auch schon. Der Rest ist Ignorieren epidemiologischer Grundlagen und unwissenschaftliches Rumgedeute. Denn mit dieser Studie gibt es mehrere Probleme.

Das größte Problem dürfte schon sein, dass eben so gut wie alle befragten Dampfer zuvor Raucher waren. Und das auch noch relativ frisch. Es ist also mehr als gewagt, deren Erkrankungen einfach dem Dampfen zuzuschreiben. Besonders bei COPD wird das recht deutlich. Denn es ist nahezu unmöglich, dass sich eine COPD in so kurzer Zeit entwickelt. Genau deshalb ist es auch so problematisch, dass wir hier eine Langzeitbeobachtung von gerade mal drei Jahren haben.

Prof. Dr. Michael Siegel von der Boston University bemerkt hierzu:

„There is simply no way that you can develop COPD from vaping for five years. Even among heavy chain smokers, it takes several decades before they develop COPD.“ (Es gibt einfach keine Möglichkeit, COPD zu entwickeln, wenn man fünf Jahre lang dampft. Selbst bei schweren Kettenrauchern dauert es Jahrzehnte, bis sie an COPD erkranken.)

Tatsächlich erkranken Raucher durchschnittlich im Alter von 45 Jahren und zumeist nach jahrzehntelanger Raucherkarriere an COPD. Eine „Turbo-COPD“ innerhalb von drei Jahren ist weit mehr als unplausibel. Trotzdem wurden in der Studie auch diese Fälle der E-Zigarette zugerechnet. Selbst, wenn es viel plausibler ist, dass die Rauchervergangenheit der Auslöser für die Erkrankungen war. Darauf deutet auch eine Langzeitstudie des italienischen Mediziners Prof. Riccardo Polosa hin, in der gezeigt werden konnte, dass sich der Gesundheitszustand von COPD-Patienten nach dem Umstieg aufs Dampfen deutlich verbessert hatte.

Prof. Dr. Michael Siegel schlussfolgert daher:

„There is absolutely no way one can conclude, or even speculate, based on the results of this cross-sectional study, that vaping is a cause of chronic obstructive lung disease [COPD].“ (Aus den Ergebnissen dieser Querschnittstudie kann absolut nicht geschlossen oder gar spekuliert werden, dass Dampfen eine Ursache für COPD ist.)

Ein weiteres Problem der Studie ist, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass Befragte weiterhin Zigaretten rauchten, obwohl sie angegeben hatten, nur noch E-Zigarette zu dampfen. Für viele Menschen zählt vielleicht zum Beispiel der regelmäßige „Ausrutscher“ auf Partys nicht als wirkliches Rauchen.

Und dann ist auch nicht auszuschließen, dass Raucher versucht haben ihren Zigarettenkonsum gerade deshalb mit der E-Zigarette zu reduzieren, weil sich bei ihnen die ersten Anzeichen einer Lungenerkrankung zeigten. Oft dauert es nämlich eine relativ lange Zeit von den ersten Symptomen bis zur Diagnose. Auch hier wäre das Dampfen nicht Verursacher sondern Folge der Erkrankungen.

Dass übrigens Dualuser ein noch höheres Erkrankungsrisiko als „Nurraucher“ haben sollen, ist nicht nur unlogisch, es lässt sich recht einfach und plausibel damit erklären, dass gerade besonders starke Raucher Probleme damit haben könnten, ganz auf die E-Zigarette umzusteigen und daher Dualuser bleiben.

Leider werden sich die wenigsten Journalisten die Mühe machen, die Studie genau anzugucken, sie auf Plausibilität zu prüfen und ihren Job damit vernünftig zu erledigen. Das Rauschen im Blätterwald hat bereits begonnen, die Studie passt ja so schön ins Bild.

Doch das einzige, was diese Studie tatsächlich zeigt, ist, dass Raucher ihrer Gesundheit einen fetten Dienst erweisen, wenn sie auf die E-Zigarette umsteigen. Wie erwähnt, sinkt laut dieser Studie das Risiko für ernsthafte Lungenerkrankungen durch den Umstieg aufs Dampfen bereits nach drei Jahren um mindestens 80%.

Darüber allerdings, ob Nichtraucher ihrer Gesundheit schaden, wenn sie der leckeren Wolke frönen, sagt diese Studie absolut nichts aus. Es bleibt dabei, dass bis heute keine seriöse Studie belegen konnte, dass Dampfen überhaupt ernsthaft schädlich ist. Und diese erst recht nicht.


MedicalXpress.com: E-cigarettes significantly raise risk of chronic lung disease, first long-term study finds

Clive Bates über diese Studie

Studie von Polosa zum Thema Dampfen und COPD

Ein Gedanke zu „Eine ziemlich dürftige “Langzeitstudie” wabert durch die Medien“

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